Kategorie-Archiv: Nachdenken

Die schöne Welt der Zahlen

Kann sich noch jemand erinnern?

Aus dem ad-hoc-Gutachten des Ethikrates:

„(…) die aktuellen rigorosen, massiv und flächendeckend freiheitsbeschränkenden staatlichen Maßnahmen. Sie sollen dazu dienen, den exponentiellen Anstieg der Zahl infizierter und erkrankter Personen zu verhindern. Andernfalls könnte das Gesundheitssystem an seine Kapazitätsgrenzen gelangen. Bei rascher Zunahme schwerer Erkrankungsfälle könnte es zu einer Unterversorgung behandlungsbedürftiger Personen kommen – unabhängig davon, ob diese an der durch das neuartige Coronavirus verursachten Lungenerkrankung Covid-19 oder einer anderen Krankheit leiden. (…)
Der ethische Kernkonflikt besteht in Folgendem: Ein dauerhaft hochwertiges, leistungsfähiges Gesundheitssystem muss gesichert und zugleich müssen schwerwiegende Nebenfolgen für Bevölkerung und Gesellschaft durch die Maßnahmen abgewendet oder gemildert werden. (…)
Aus ethischer Sicht sind – ungeachtet der hier nicht zu erörternden, durchaus strittigen Frage, ob hinreichende verfassungs- und einfachgesetzliche Grundlagen existieren – damit jedenfalls zur Zeit Freiheitsbeschränkungen vertretbar. Auch erheblich belastende Begleitschäden sind zumutbar.“

Man könnte daraus ableiten, dass man nach einer gewissen Zeit die Kosten und den Nutzen prüft. Das, was als höchster Grund genannt wird, der alle Freiheitsbeschränkungen rechtfertigt, der befürchtete Zusammenbruch unseres Gesundheitssystems ist nicht eingetreten. Die Verordnungserlasser sagen: weil wir alles verboten haben. Fakt ist jedoch, dass das System zu keiner Zeit auch nur annähernd ausgelastet war, geschweige denn überlastet. Während der gesamten Zeit waren im Schnitt 40% der regulären Intensivkapazitäten frei. Das Personal in allen Kliniken – unsere Helden an der medizinischen Front – haben in erheblichem Umfang Überstunden abgebaut. Hier war weder etwas ausgelastet noch überlastet.

Und jetzt kommt der Zahlentrick. Wenn man die Zahlen, die den Grund für die Maßnahmen bilden nicht hat (Auslastungs- / Überlastungszahlen), dann weicht man auf andere aus. Dazu hat man schon seit Beginn der Maßnahmen die Zahl der Neuinfektionen als Maßstab gewählt. Der Begriff ist an sich schon falsch, richtig wäre es, diese Zahl „Postitvgetestetenzahl“ zu nennen. Da niemand die Zahl der Infizierten kennt und man noch nicht einmal sicher weiß, ob man das nicht zweimal kriegen kann, hat die Zahl der „Neuinfizierten“ keinen Wert, da keinen Vergleichswert. Also wird die Höhe als Maßzahl genommen. Die hängt aber von der Zahl der Testungen ab und nicht von der der tatsächlichen Infektionen (die, zumindest gängiger Epertenmeinung nach deutlich höher sein muss, als die der festgestellten Infektionen). Interessant dazu das unfreiwillige Experiment auf einem Kreuzfahrtschiff, da konnte keiner raus.

Die Gefährlichkeit für das Gesundheitssystem kann nur ermessen werden, wenn man zu den Zahlen der Positivgetesteten auch die Zahlen der danach Intensivbehandelten hat. Dann kann ein Risiko berechnet werden. Von allen die positiv getestet wurden, landen x in der Intensivstation, y werden invasiv beatmet, z sterben. Dieses Risiko wird immer kleiner, je mehr positive Testungen vorliegen und je mehr davon symptomfrei bleiben.

Da aber nur anlassbezogen getestet wird – und wir die Vergleichszahlen nicht bekommen, ist das Einzige, was erreicht wird mit Wörtern wie „rapider Anstieg“ oder „dramatischer Anstieg“, eine ungerichtete Angst, die schnell in Panik umschlagen kann. Und ein Anstieg der Positivgetestetenzahlen sagt gar nix über die Auslastung des Gesundheitswesens, wenn die Auslastungszahlen damit nicht in Verbindung stehen oder/und nicht genannt werden.

Und das ist das Problem von Zahlen in allen Bereichen: aus einem dramatischen Anstieg an Fortbildungsteilnehmer*innen kann keine direkte Qualitätsverbesserung der Arbeit abgeleitet werden.

Die Vorgabe von zu bearbeitenden Vorgängen schafft im Finanzamt keine steigenden Steuereinnahmen und im Jobcenter keine versicherungspflichtigen Anstellungen.

Eine Strichliste ist keine Studie und der Anstieg einer Zahl keine Gefahr.

30 Postitivgetestete nach der Chorprobe? Wieviele davon sind verstorben?

100 Positivgetestete nach einem Gottesdienst? Wieviele davon sind verstorben?

Das sind die Zahlen, die man benötigt.

Ach ja, und vielleicht ist die Frage noch interessant: wie haben die Verstorbenen gewohnt, gearbeitet, wieviel haben sie verdient, wie gut war ihr Allgemeinzustand vor der Infektion, welche Versorgung haben sie erhalten, welche können oder konnten sie bezahlen… Die Liste ist erweiterbar.

Das Grundgesetz und die Infektionsschutzmaßnahmen

Der Historiker René Schlott hat die Initiative „Grundgesetzacasa“ gestartet, um die verfassungsrechtlichen Aspekte der Maßnahmen in den Blick zu rücken. Eine Stellungnahme von ihm gibt’s als Video.

Dass die Maßnahmen sehr weitrechende und rechtlich fragwürdige Folgen zeigen, berichtete 3Sat.

Das Gesundheitssystem vor dem Kollaps bewahren – steht das wirklich über allem?

Noch einige Stimmen, die mit der aktuellen Entwicklung nicht einverstanden sind.

Abschied vom Grundgesetz auf 3sat und Notker Wolf im Deutlschandfunk.

Mehr Wissenschaft in die Corona-Debatte

Die Süddeutsche titelt: „In der Todeszone“ (nein, ich verlink das nicht).

Spekulationen in die Richtung des schlimmstmöglich vorstellbaren Verlaufs zu lenken führt mich immer wieder zu der Frage: cui bono?

Für einen fundiert wissenschaftlichen Blick auf die Datenlage lesen Sie doch einfach mal hier nach: EBM- Evidence Based Medicine Netzwerk.

Interview mit Medizin-Statistiker: Das Problem mit den Corona-Zahlen | radioWelt | Bayern 2 | Radio | BR.de

Das Problem mit den Corona-Zahlen

Quelle: Interview mit Medizin-Statistiker: Das Problem mit den Corona-Zahlen | radioWelt | Bayern 2 | Radio | BR.de

Es scheint so, als ob nach den Wochen des hektischen Handelns, in denen die Politik eine „Demonstration von Handlungsfähigkeit“ (Hartmut Rosa) vor allem durch angeblich alternativlose rigide Maßnahmen vornahm, endlich von verschiedenen Seiten das Nachdenken einsetzt.

Handeln ohne gesicherte Grundlagen kann man machen, wie man sieht. Man darf sich dann allerdings nicht über Kollateralschäden wundern, die viel weiter vernetzt sind als im durchregierenden Weltbild antizipiert.